Überwachte Zoonosen in Deutschland
Welche Zoonosen werden in Deutschland bei Lebensmitteln überwacht?
Im bundesweiten Zoonosen-Monitoring (aktuell veröffentlichter Bericht: 2024) wurden Lebensmittel auf die bakteriellen Zoonoseerreger Salmonella spp., Campylobacter spp., Listeria monocytogenes, Shiga-Toxin bildende E. coli (STEC), Yersinia enterocolitica und Vibrio spp. untersucht. Hinzu kamen Noroviren, das Hepatitis-A-Virus und MRSA sowie Resistenz-Indikatorkeime: präsumtive Bacillus cereus, kommensale E. coli, ESBL/AmpC- und Carbapenemase-bildende E. coli und Enterokokken [1]. Fest eingeplant sind jedes Jahr Salmonellen, Campylobacter, L. monocytogenes und STEC. Sie stehen in Anhang I Teil A der Richtlinie 2003/99/EG als überwachungspflichtige Erreger [2].
Approach: Ich habe die Jahresberichte des BVL zum Zoonosen-Monitoring ausgewertet, vor allem den Stichprobenplan 2024, und die BVL-Seite zum Zoonosen-Monitoring gelesen. Die Richtlinie 2003/99/EG ließ sich auf EUR-Lex nicht öffnen und die AVV Zoonosen Lebensmittelkette nicht auf verwaltungsvorschriften-im-internet.de. Die vollständige Liste aus Anhang I gebe ich deshalb nicht wieder.
Rechtsrahmen
- Richtlinie 2003/99/EG: Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, repräsentative Daten zu Zoonosen, Zoonoseerregern und Antibiotikaresistenzen zu erheben. Das gilt für Futtermittel, lebende Tiere und Lebensmittel. Anhang I Teil A nennt die Zoonosen, die in allen Mitgliedstaaten überwacht werden müssen [3].
- AVV Zoonosen Lebensmittelkette: Sie setzt die Richtlinie in Deutschland um und ist die Grundlage des Zoonosen-Monitorings [3].
- Durchführungsbeschluss (EU) 2020/1729: Er schreibt Resistenzdaten verbindlich vor. Erfasst werden Salmonella, C. jejuni/C. coli, kommensale E. coli sowie ESBL/AmpC- und Carbapenemase-bildende E. coli. Die Daten stammen von Rindern, Schweinen und Geflügel und den daraus gewonnenen Lebensmitteln [3].
- Wechsel der Tierarten: Geflügel (Masthähnchen und Mastputen) und Kalb/Rind und Schwein werden im Jahreswechsel untersucht. 2024 war Geflügel an der Reihe [2].
- Stichprobenplan: BVL und BfR erstellen ihn jedes Jahr, der Ausschuss „Zoonosen" beschließt ihn. Durchgeführt wird das Monitoring von den Ländern im Rahmen der amtlichen Lebensmittelüberwachung [1].
Erreger und untersuchte Lebensmittel 2024
| Erreger | Untersuchte Lebensmittel |
|---|---|
| Salmonella spp. | Halshaut von Masthähnchen und Mastputen (Schlachthof); vorgeschnittenes Gemüse; Hähnchen- und Putenfleisch (Grenzkontrollstelle und Einzelhandel); Wildwiederkäuerfleisch; verzehrfertige Blattsalate; Reis-, Mais-, Buchweizen- und Grünkernmehl; Tahini und Halva; rohe Garnelen |
| Campylobacter spp. | Halshaut (zusätzlich Keimzahl); Hähnchen- und Putenfleisch im Einzelhandel (zusätzlich Keimzahl); Wildwiederkäuerfleisch; rohe Garnelen |
| L. monocytogenes | vorgeschnittenes Gemüse und Blattsalate (jeweils qualitativ und quantitativ); Wildwiederkäuerfleisch; rohe Garnelen |
| STEC | vorgeschnittenes Gemüse; Wildwiederkäuerfleisch; Blattsalate; die vier Mehle; rohe Garnelen |
| Y. enterocolitica | Wildwiederkäuerfleisch |
| Vibrio spp. | rohe Garnelen |
| Norovirus, Hepatitis-A-Virus | verzehrfertige Blattsalate |
| MRSA | Halshaut; Hähnchen- und Putenfleisch (Grenzkontrollstelle und Einzelhandel); rohe Garnelen |
| präsumtive B. cereus (kein Zoonoseerreger, nur Keimzahl) | vorgeschnittenes Gemüse; Blattsalate |
| ESBL/AmpC-bildende E. coli | vorgeschnittenes Gemüse; Geflügelfleisch; Wildwiederkäuerfleisch; rohe Garnelen |
| Carbapenemase-bildende E. coli | Hähnchen- und Putenfleisch (Grenzkontrollstelle und Einzelhandel) |
Quellen zur Tabelle: [4][5][6]
Außerhalb der Lebensmittel wurden 2024 auch Masthähnchenbetriebe (Kot, Staub), Blinddarminhalt am Schlachthof, Rehwild-Kot und Mischfuttermittel mit tierischen Nebenprodukten beprobt. Die Mischfuttermittel werden nur auf Salmonellen untersucht; dieses Programm läuft 2025 weiter [4].
Resistenztests an Isolaten aus Lebensmitteln
Laut Tabelle 3.2 wurden Isolate aus folgenden Lebensmitteln auf Antibiotikaresistenz getestet [7]:
- Hähnchen- und Putenfleisch: Salmonella, Campylobacter, MRSA und kommensale E. coli.
- Wildwiederkäuerfleisch: Salmonella, Campylobacter, STEC und kommensale E. coli.
- Pflanzliche Lebensmittel: Salmonella und STEC aus Gemüse, Salaten und Mehlen.
- Rohe Garnelen: Salmonella, Campylobacter, STEC und MRSA.
Programm wechselt jährlich
Welche Erreger untersucht werden, hängt vom Jahresplan ab. Im Bericht 2022 standen zum Beispiel zusätzlich Echinococcus spp. und das Hepatitis-E-Virus in Schweinelebern am Schlachthof [8][9]. Die BVL-Seite zum Zoonosen-Monitoring beschreibt nur das Verfahren und nennt keinen Stichprobenplan für 2025 oder 2026 (BVL – Zoonosen-Monitoring).
Ich kann als Nächstes die Programme früherer Jahre (z. B. die Jahre mit Kalb/Rind und Schwein) vergleichen oder die Befundraten zu einem Erreger heraussuchen.
Was zeigt das Zoonosen-Monitoring zu Campylobacter und Salmonellen?
Das Zoonosen-Monitoring 2024 (Schwerpunkt Geflügel) zeigt zwei unterschiedliche Entwicklungen. Bei Masthähnchen gehen die Salmonellen am Schlachthof weiter zurück, an Putenschlachtkörpern sind sie aber noch häufig. Campylobacter bleibt in der Geflügelfleischkette auf hohem Niveau. Trotz des 2018 eingeführten Prozesshygienekriteriums gibt es nicht deutlich weniger Halshautproben mit hohen Keimzahlen [10][11]. Bei beiden Erregern fallen die hohen Resistenzraten gegen Fluorchinolone auf.
Approach: Ich habe den BVL-Jahresbericht zum Zoonosen-Monitoring 2024 ausgewertet, vor allem das Kapitel „Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen“ und die Prävalenztabellen. Vergleichswerte aus früheren Jahren stammen aus diesem Bericht.
Salmonellen (Salmonella spp.)
Ausgewertet wurden 4.786 Proben [12].
| Probe | positiv 2024 | Vergleich |
|---|---|---|
| Blinddarm Masthähnchen (Schlachthof) | 0,2 % | 2022: 0,5 %; 2020: 2,6 % |
| Halshaut Masthähnchen | 4,2 % | 2022: 5,5 %; 2020: 6,7 % |
| Hähnchenfleisch Einzelhandel, konventionell / ökologisch | 6,5 % / 4,6 % | 2022: 5,1 %; 2020: 4,6 % (damals ohne Trennung konventionell/öko) |
| Hähnchenfleisch Grenzkontrollstelle | 16,7 % | nur 30 Proben |
| Blinddarm Mastputen | 0,2 % | etwa wie in den Vorjahren |
| Halshaut Mastputen | 21,0 % | je nach Schlachthof 0 bis 80 % |
| Putenfleisch Einzelhandel | 3,6 % | |
| Wildwiederkäuerfleisch | 1,9 % | 2017: 0,8 %; 2012: 0,0 % |
| Rohe Garnelen | 2,8 % | 2015: 0,8 % |
| Sesamprodukte (Tahini, Halva) | 2,0 % | |
| Verzehrfertige Blattsalate | 0,6 % | |
| Vorgeschnittenes Gemüse; Reis-, Mais-, Buchweizen-, Grünkernmehl | 0 % |
Was der Bericht daraus folgert:
- Masthähnchen: Die Schlachthöfe halten das Prozesshygienekriterium nach Verordnung (EG) Nr. 2073/2005 zunehmend besser ein [10].
- Serovare im Hähnchenfleisch: In frischem Hähnchenfleisch überwiegt klar S. Infantis. Dieses Serovar wird in den Bekämpfungsprogrammen nicht gemaßregelt [10].
- Putenschlachtkörper: Die positiven Befunde kommen gehäuft aus einzelnen Schlachtbetrieben. Dort treten S. Agona und S. Subspez. I 3:g,s,t besonders oft auf, was auf schlachthofspezifische Stämme hindeutet, die auf die Schlachtkörper verschleppt werden. Das Kriterium von höchstens 10 % positiven Schlachtkörpern ist nach dem Bericht einhaltbar. Von den bekämpfungspflichtigen Serovaren wurde nur S. Typhimurium gefunden, auch in Putenfleisch im Einzelhandel [10].
- Garnelen, Sesamprodukte und Blattsalat: Der Bericht wertet sie als mögliche Infektionsquellen. In Garnelen wurde auch S. Weltevreden nachgewiesen. Mehl scheint dagegen keine bedeutende Quelle zu sein [13].
Resistenzen:
- Anteil resistenter Isolate: Gegen mindestens eine getestete Substanz waren 74,4 % der Isolate aus der Masthähnchenkette resistent und 57,9 % der Isolate aus der Mastputenkette [13].
- Fluorchinolone: Die höchsten Raten (über 50 %) gab es gegen Ciprofloxacin und Nalidixinsäure [13].
- Cephalosporine der 3. Generation: Resistenzen in der Masthähnchenkette traten wie schon 2022 gehäuft auf, vermehrt auch bei Isolaten aus importiertem Hähnchenfleisch. Cephalosporine sind bei Geflügel nicht zugelassen [13].
- Öko-Fleisch: Isolate aus ökologischem Fleisch waren gegen die meisten Substanzen häufiger resistent als Isolate aus konventionellem Fleisch. Dafür standen allerdings nur sehr wenige Isolate zur Verfügung [13].
- Ohne Resistenz: Isolate aus Garnelen, Sesamprodukten, Blattsalaten und Rehkot waren gegen alle getesteten Substanzen empfindlich [13][11].
Campylobacter spp.
| Probe | positiv 2024 | Vergleich |
|---|---|---|
| Blinddarm Masthähnchen | 40,3 % | 2022: 34,3 % |
| Halshaut Masthähnchen | 60,5 % | 2020: 54,4 %; 2013: 52,3 % |
| davon quantitativ nachweisbar / über 1.000 KbE/g | 40,4 % / 19,8 % | 2022: 35,4 % / 18,4 %; über 1.000 KbE/g 2021: 21,6 %, 2020: 21,9 % |
| Hähnchenfleisch konventionell / ökologisch | 41,0 % / 46,5 % | 2022: 46,0 %; 2020: 54,4 % |
| Blinddarm Mastputen | 64,8 % | wie in den Vorjahren |
| Halshaut Mastputen | 19,1 % (10,9 % quantitativ; 2 % über 1.000 KbE/g) | 2012: 53,5 %; 2010: 68,0 % |
| Putenfleisch | 10,3 % | 2022: 10,7 % |
| Wildwiederkäuerfleisch | 0,4 % | 2017: 0,8 % |
| Rehkot | 2,7 % | 2017: 0,8 % |
| Rohe Garnelen | 0 % |
Was der Bericht daraus folgert:
- Keine Fortsetzung des Trends von 2022: Die positive Entwicklung von 2022 setzte sich nicht fort [11].
- Unterschiede zwischen Schlachthöfen: Die Schlachthöfe unterscheiden sich darin, wie oft sie den Grenzwert von 1.000 KbE/g überschreiten. Minimierungsstrategien sollen deshalb weiter auf dem Vergleich der Schlachthöfe aufbauen [11].
- Keimzahlen im Fleisch: Im Hähnchenfleisch lagen sie deutlich niedriger als auf der Halshaut. Nur eine Bio-Probe überschritt 1.000 KbE/g (3.050 KbE/g). Wegen der geringen Infektionsdosis sind aber auch niedrige Keimzahlen ein Risiko [11].
- Puten gegenüber Hähnchen: Puten sind häufiger mit Campylobacter besiedelt als Hähnchen. Ihre Schlachtkörper und ihr Fleisch sind aber signifikant seltener kontaminiert [14].
- Wild und Garnelen: Wildwiederkäuerfleisch und Garnelen haben als Quelle kaum Bedeutung [14].
Resistenzen:
-
Arten: Bei Masthähnchen überwiegt C. jejuni, bei Puten C. coli. C. coli ist insgesamt häufiger resistent [14].
-
Rangfolge: Am höchsten waren die Raten gegen Ciprofloxacin, danach gegen Tetracyclin und Ertapenem [14].
-
Anstieg bei Tetracyclin:
- C. jejuni aus dem Blinddarm von Masthähnchen: 71,2 % (2022: 52,5 %)
- C. jejuni aus dem Blinddarm von Mastputen: 61,4 % (2022: 45,7 %)
-
Anstieg bei Ertapenem:
- C. coli aus dem Blinddarm von Masthähnchen: 73,6 % (2022: 62,3 %)
- C. jejuni aus dem Blinddarm von Mastputen: 37,1 % (2022: 25,0 %)
Die Ursache ist laut Bericht ungeklärt [14].
Ich kann als Nächstes die Ergebnisse aus Jahren mit Kalb/Rind und Schwein (z. B. 2023) gegenüberstellen oder die Salmonellen-Serovare im Detail auflisten.
Wer ist dafür zuständig, Bund oder Länder?
Zuständig sind beide, mit getrennten Aufgaben. Die Länder führen das Zoonosen-Monitoring im Rahmen der amtlichen Lebensmittel- und Veterinärüberwachung durch [1]. Auf Bundesebene erstellen BVL und BfR den Stichprobenplan, werten die Ergebnisse aus und melden sie an die EFSA [1].
Approach: Ich habe im BVL-Jahresbericht 2024 zum Zoonosen-Monitoring die Kapitel zu den rechtlichen Grundlagen und zu Organisation und Durchführung gelesen.
Aufgabenverteilung
| Ebene | Stelle | Aufgabe |
|---|---|---|
| Länder | amtliche Lebensmittel- und Veterinärüberwachung | Proben nehmen und untersuchen; Ergebnisse an das BVL melden |
| Länder | Untersuchungseinrichtungen der Länder | Isolate an die Nationalen Referenzlaboratorien des BfR schicken |
| Länder | Sachverständige der Länder | in einer Expertengruppe BVL und BfR bei der Planung beraten |
| Bund und Länder | Ausschuss „Zoonosen" | den bundesweit geltenden Stichprobenplan beschließen, nachdem die Länder konsultiert wurden |
| Bund | BVL zusammen mit dem BfR | den Stichprobenplan erstellen (welche Erreger, Tierpopulationen, Stufen der Lebensmittelkette, Probenzahlen, Probenahme- und Analyseverfahren) |
| Bund | BVL | Daten sammeln, auswerten und im jährlichen Bericht veröffentlichen |
| Bund | BfR (Nationale Referenzlaboratorien) | Isolate genauer charakterisieren, Resistenztests machen und die Ergebnisse bewerten |
| Bund | BMEL, FLI, RKI (und die Länder) | Vorschläge zum Stichprobenplan machen |
| Bund → EU | BVL und BfR | Ergebnisse nach Artikel 9 der Richtlinie 2003/99/EG an die EFSA übermitteln |
Quelle: [1]
Rechtsgrundlage
Die Abläufe regelt die AVV Zoonosen Lebensmittelkette, eine Allgemeine Verwaltungsvorschrift, die auf der Richtlinie 2003/99/EG beruht. Sie legt fest, wie die Untersuchungen geplant, koordiniert und durchgeführt werden und wie anschließend berichtet wird [3]. Bei der Planung berücksichtigen BVL und BfR auch Vorgaben der Europäischen Kommission und Empfehlungen der EFSA. Proben aus anderen laufenden Monitoring-, Überwachungs- oder Bekämpfungsprogrammen können auf den Stichprobenplan angerechnet werden [1].
Kurz gesagt: Der Bund plant, wertet aus und meldet an die EU, die Länder führen die Untersuchungen vor Ort durch.